...sie laden mich ein, sie zu gestalten...sie gestalten sich selbst und mich mit...wir finden unsere Gestalt...

dezent vehement

dezent vehement_5Ich kann sie deutlich spüren, deine feurig-rote Wut, wie sie aus deinem Bauch hochkriecht und deine Brust erhitzt. Die Falten auf deiner Stirn sprechen Bände, und die Verdunkelung deiner Augen möchte ich genauso wenig erwähnen wie den Geifer, der dir aus dem Mund trieft.

Wie schon so oft warte ich auf die Explosion - sehne sie sogar herbei und denke, dass es heute endlich so weit sein wird. Ich stichle ein bisschen und noch ein bisschen mehr... kann deinen Zorn fast greifen, aber er rinnt zwischen den Fingern meiner zur Faust geballten Hand hindurch. Ich sehe, wie er nach außen drängt, deinen Hals ausdehnt und ...dort stecken bleibt. Dein ebenmäßiges,dezent vehement_1 ruhiges Gesicht kann nicht mehr verbergen, wie schirch du gerade bist... aber das sieht außer mir niemand, schon gar nicht du! Ich frage mich oft, ob du dich zu sehr ängstigst vor deiner eigenen Wut, vor dir selbst... oder ob du einfach nur mich zur Weißglut treiben willst - das tust du nämlich...

Doch auch diesmal wählst du deine Worte mit Bedacht, erhebst nicht einmal deine grausam-sanfte Stimme, bleibst furchtbar höflich und - wie immer - ganz >dezent vehement<. Du bist sichtlich stolz darauf, dass du nicht entgleist - ich vermisse das Leben! ...und bleibe allein mit meiner Wut und meinem Zorn.

...und der arme alte Hausarzt, den beide am nächsten Tag aufsuchen, ist immer noch auf der Suche nach den Ursachen ihrer Magengeschwüre, Kopf- und Rückenschmerzen, Atemnot, Verstopfung und sonstigen Beschwerden, mit denen sie regelmäßig hilfesuchend vor seiner Tür stehen.

 

 

 

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